24. Juni 2026

Joasihno: Robotik und Romantik

Joasihno: Robotik und Romantik

Joasihno verbinden Folktronica, Kammerpop und experimentelle Elektronik mit selbstgebauten Instrumenten, Klangmaschinen und einem eigensinnigen Roboterorchester. Zwischen dem Kosmos von Alien Transistor, DIY-Kultur und kinetischer Skulptur entsteht eine Musik, in der technische Neugier erstaunlich lebendig klingt.

Die Musik von Joasihno wirkt zugleich präzise gebaut und erstaunlich organisch. Auf ihrem aktuellen Album Spots entstehen aus Stimmen, Loops, Elektronik und akustischen Instrumenten Stücke, deren Elemente ständig neue Beziehungen eingehen. Die Songs entfalten sich weniger wie Maschinen als wie kleine Ökosysteme.

Folktronica, Kammerpop, Minimal Music, elektronische Klangforschung und Songwriting treten dabei in Beziehungen, die sich nur schwer auf einen Stil reduzieren lassen. Vieles wirkt, als hätte man unterschiedliche musikalische Systeme zusammengebracht, ohne sie auf eine gemeinsame Logik festzulegen. Stimmen kreisen umeinander, Rhythmen verschieben sich unmerklich, kleine Motive wachsen zu komplexen Strukturen heran. Die Musik bleibt dabei stets in Bewegung, ohne jemals hektisch zu werden.

Joasihno sind Cico Beck und Nico Sierig. Seit vielen Jahren entwickeln sie gemeinsam eine musikalische Sprache, die sich für Prozesse mindestens ebenso sehr interessiert wie für Ergebnisse. Ihre Stücke wachsen häufig aus Wiederholungen, Überlagerungen und kleinen Veränderungen. Die Komplexität entsteht dabei nicht durch demonstrative Virtuosität, sondern durch Aufmerksamkeit für Details. Wer genauer hinhört, bemerkt, dass sich ständig etwas verändert. Ein Rhythmus tritt hervor, eine Stimme verschwindet, ein Klang übernimmt plötzlich eine neue Funktion.

Mit Klick wird eine Verbindung zu YouTube aufgebaut.

Dass diese Musik im erweiterten Umfeld von The Notwist und Alien Transistor entstanden ist, erscheint kaum überraschend. Seit den 1990er Jahren hat sich dort ein Kosmos entwickelt, in dem die Grenzen zwischen Pop, Elektronik, Improvisation und Klangkunst immer wieder neu verhandelt werden. Joasihno gehören zu diesem Umfeld, dessen gemeinsamer Nenner weniger ein bestimmter Sound als die Neugier auf musikalische Werkzeuge und Produktionsweisen ist.

Wer das Duo live erlebt, begegnet nicht nur Stimmen und Elektronik, sondern auch einer Vielzahl selbstgebauter Apparaturen. Motoren setzen kleine Objekte in Bewegung, mechanische Konstruktionen erzeugen Rhythmen, Roboter übernehmen einzelne musikalische Aufgaben. Die Bühne wird zu einer Art Labor, in dem Instrumente nicht bloß benutzt, sondern erfunden werden.

Dabei wäre es ein Missverständnis, diese Konstruktionen lediglich als technische Spielerei zu betrachten. Interessanter ist die Frage, was mit einem Instrument geschieht, wenn es sichtbar arbeitet. In der klassischen Konzertsituation verschwindet die Technik meist hinter dem Ergebnis. Bei Joasihno tritt sie hervor. Zahnräder drehen sich. Hebel bewegen sich. Mechanische Abläufe werden Teil der Aufführung. Das Publikum hört nicht nur Musik, sondern beobachtet zugleich ihre Entstehung. An diesem Punkt berührt ihre Arbeit eine Tradition, die weit über den Pop hinausreicht.

Der französische Musiker Pierre Bastien entwickelt seit Jahrzehnten mechanische Miniatur-Orchester, in denen Motoren Trompeten, Schlaginstrumente und selbstgebaute Klangkörper antreiben. Seine Maschinen erscheinen dabei weniger als technische Geräte denn als eigensinnige Wesen mit eigener Persönlichkeit. Es war ein besonderer Moment, diesen Künstler bei der letzten Ausgabe der Zongtage im Makro zu erleben. Folgen wir der Fährte noch weiter, stoßen wir auf Jean Tinguely, dessen kinetische Skulpturen irgendwo zwischen Maschine, Performance und Objektkunst angesiedelt sind. Wie bei Bastien wird auch hier die Mechanik selbst Teil der Aufführung.

Mit Klick wird eine Verbindung zu Bandcamp aufgebaut.

Natürlich bewegen sich Joasihno in einem anderen Feld. Ihre Apparaturen stehen im Dienst von Songs und Kompositionen. Dennoch entsteht eine ähnliche Verschiebung der Wahrnehmung. Die Instrumente werden zu Objekten, die betrachtet werden wollen. Die Musik wird sichtbar. Die Grenze zwischen Instrument, Klangskulptur und Aufführung beginnt zu verschwimmen.

Die Geschichte selbstgebauter Instrumente erzählt immer auch von der Aneignung technischer Mittel. Von Musiker*innen, die vorhandene Werkzeuge verändern, erweitern oder vollständig neu erfinden. Praktiken wie Circuit Bending, experimenteller Instrumentenbau oder die zahlreichen Bastelkulturen elektronischer Musik beruhen auf derselben Grundidee: Technik ist kein abgeschlossenes System. Man kann sie öffnen. Interessanterweise führen die Roboter und Maschinen bei Joasihno nicht zu einer Ästhetik technischer Kälte – im Geneteil. Die Apparaturen wirken häufig wie kleine Organismen. Die Technik verschwindet nicht, aber sie wird Teil eines größeren Zusammenhangs. Ihre Musik gehört zu jenen seltenen Formen experimenteller Popmusik, die technische Neugier und Offenheit miteinander verbinden.

Mehr Texte wie diesen findet Ihr in unserem 70-seitigen Festivalkatalog, den Ihr vor Ort bei den Konzerten bekommt.