Golden Diskó Ship: Pop als Experiment

Golden Diskó Ship: Pop als Experiment

Was ist eigentlich Experimental Pop? Kaum ein Projekt eignet sich besser für diese Frage als Golden Diskó Ship. Zwischen Folk, Electronic, Improvisation und kollaborativen Formaten entwickelt Theresa Stroetges keine feste Handschrift, sondern immer neue Versuchsanordnungen für das, was Pop sein kann.

Experimental Pop – ein widersprüchlicher Begriff, oder? Pop lebt von Formen, die wiedererkannt werden wollen. Refrains kehren zurück, Stile bilden sich heraus, Künstler*innen entwickeln Handschriften. Experimente dagegen beginnen meist dort, wo das Ergebnis noch nicht feststeht. Die Beschäftigung mit Golden Diskó Ship taugt bestens zu einer Annäherung an den Begriff.

Wer versucht, das Projekt von Theresa Stroetges über einen bestimmten Stil zu beschreiben, gerät schnell in Schwierigkeiten. Folk taucht auf, elektronische Musik ebenso. Dann wieder Krautrock, Improvisation, Field Recordings, Pop, Sampling oder Klangkunst. Fast jede Veröffentlichung scheint unter anderen Voraussetzungen zu entstehen. Betrachtet man ihre Diskografie jedoch genauer, entsteht nicht der Eindruck beliebiger Vielseitigkeit. Vielmehr wirkt es, als würden die einzelnen Alben unterschiedliche Fragen verfolgen.

Veränderung als Methode

Vielleicht erklärt das auch, weshalb viele Besprechungen ihrer Musik dieselbe Beobachtung wiederholen: dass keine Platte der vorherigen gleicht. Die Veränderung erscheint hier nicht als gelegentliche Kurskorrektur, sondern als Methode. Alben wie Invisible Bonfire, Araceae, Imaginary Boys oder Oval Sun Patch wirken weniger wie Stationen einer linearen Entwicklung als wie eigenständige Versuchsanordnungen. Immer wieder werden neue Materialien, Arbeitsweisen und Konstellationen erprobt.

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Interessant ist dabei, dass sich diese Offenheit nicht gegen den Pop richtet. Golden Diskó Ship verabschiedet sich nicht von Melodien, Grooves oder Songs. Die Musik bleibt meistens sehr zugänglich, selbst dort, wo sie ihre eigenen Bedingungen infrage stellt. Vielleicht liegt genau darin der produktive Widerspruch des Experimental Pop: Nicht in der Flucht aus dem Pop, sondern in seiner fortlaufenden Neuorganisation.

Besonders deutlich wird das in der Arbeitsweise von Theresa Stroetges. Neben ihrem Soloprojekt ist sie seit vielen Jahren in ganz unterschiedlichen Bands dabei, darunter Soft Grid, Painting und im improvisatorischen Kollektiv Epiphany Now. Soft Grid bewegt sich zwischen elektronischem Post-Punk, Krautrock und Wave. Painting arbeitet mit einer eigentümlichen Mischung aus Pop, Improvisation, Auto-Tune, Chor und Performance. Epiphany Now wiederum entsteht aus kollektiven Improvisationsprozessen. Die verschiedenen Formationen funktionieren wie unterschiedliche soziale und künstlerische Anordnungen. Mal steht die Band im Zentrum, mal die Improvisation, mal die Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus anderen Bereichen. Nicht das Genre verändert sich, sondern die Bedingungen, unter denen Musik entsteht.

Durchlässige Grenzen

An diesem Punkt tritt ein weiterer Aspekt hervor, der für Stroetges‘ Arbeit zentral zu sein scheint. Viele ihrer Projekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit bildenden Künstlerinnen, Videokünstlerinnen, Performerinnen und anderen Akteurinnen jenseits des klassischen Musikbetriebs. Die Grenzen zwischen Konzert, Installation, Performance und visueller Arbeit werden dabei zunehmend durchlässig.

Popmusik wird häufig als abgeschlossenes Werk präsentiert. In den Arbeiten von Golden Diskó Ship wirken solche Grenzen oft weniger stabil. Musik erscheint hier als Teil größerer Zusammenhänge, in denen Bilder, Räume, Bewegungen und soziale Situationen eine ebenso wichtige Rolle spielen können wie einzelne Songs. Das Experiment besteht nicht darin, möglichst ungewöhnliche Klänge zu produzieren und auch nicht darin, Vertrautes demonstrativ zu vermeiden. Vielmehr geht es um die Offenheit gegenüber Verfahren, deren Ausgang nicht vollständig feststeht.

Oval Sun Patch: Offenheit und Direktheit

Wie sich diese Arbeitsweise konkret anhört, lässt sich besonders gut am „aktuellen“ (2023) Album Oval Sun Patch beobachten. Nach dem vergleichsweise kühlen und technoiden Araceae wirkt diese Platte beinahe überraschend offen. Beats treten deutlicher hervor, die Gesangsstimmen rücken näher an den Pop, viele Stücke besitzen eine Direktheit, die frühere Veröffentlichungen nur gelegentlich suchten. Mehrere Besprechungen bezeichneten Oval Sun Patch deshalb als das bislang eingängigste Album von Golden Diskó Ship.

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Allerdings wäre es irreführend, diese Entwicklung als Annäherung an konventionellen Pop zu verstehen. Gerade die Offenheit des Albums entsteht daraus, dass unterschiedliche musikalische Sprachen ständig ineinander übergehen. IDM trifft auf Art-Pop, Disco auf experimentelle Elektronik, Gitarrenminiaturen auf Clubmusik. ByteFM sprach von einem „eigensinnigen Eklektizismus“, der sich jeder eindeutigen Zuordnung entzieht und dennoch nie beliebig wirkt.

Vom Dream-Pop in unbekanntes Gelände

Besonders deutlich wird dies bereits im Opener Dolphins With Soft Helmets. Was als verträumter Popsong beginnt, wechselt unterwegs mehrfach die Richtung. Der Musikexpress beschreibt das Stück als eine Bewegung vom Dream-Pop zu Disco und weiter in unbekannteres Gelände. Solche Verschiebungen prägen das gesamte Album. House- und Techno-Grooves tauchen auf, IDM-Rhythmen flackern durch die Arrangements, Trip-Hop-Anklänge erscheinen und verschwinden wieder.

Zugleich erzählt Oval Sun Patch von Bewegung. Viele Stücke entstanden während Aufenthalten in Lissabon und Österreich; Motive von Inseln, Reisen, Landschaften und Veränderung durchziehen das Album. Besonders im dreiteiligen Schlussstück Earth Before The Space Race“, das ursprünglich als audiovisuelle Arbeit während einer Residency in Lissabon entwickelt wurde, laufen viele Fäden zusammen. Tranceartige Elektronik, Gitarrenimprovisationen, hymnischer Synth-Pop und progartige Strukturen begegnen sich hier innerhalb einer Komposition. Das Album verzichtet weder auf Pop noch auf Experiment. Es behandelt beide als Materialien derselben Arbeit.

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