11. Juli 2026
Die Wilde Jagd und Saeko Killy: Unsichtbare Welten

Saeko Killy und Die Wilde Jagd erkunden mit Reduktion, Wiederholung, Ritual und psychedelischer Verdichtung Räume jenseits eindeutiger Genregrenzen.
Der gemeinsame Konzertabend von Saeko Killy und Die Wilde Jagd lässt sich nicht sinnvoll als Begegnung zweier voneinander unabhängiger Stilwelten beschreiben. Zu eng sind die künstlerischen und persönlichen Verbindungen zwischen beiden Projekten. Saeko Killy und Sebastian Lee Philipp, der Komponist, Produzent und Musiker hinter Die Wilde Jagd, leben in Berlin, veröffentlichen bei Bureau B und kennen einander seit mehreren Jahren. Philipp war zudem an der klanglichen Ausarbeitung von Saekos zweitem Album Dream In Dream beteiligt. Gemeinsam mischten sie die Aufnahmen in seinem Studio.
Der Konzertabend führt deshalb nicht einfach zwei Acts zusammen, die zufällig ein Interesse an elektronischer Musik, Krautrock oder psychedelischen Produktionsweisen teilen, sondern versammelt zwei miteinander verbundene künstlerische Positionen. Beide arbeiten mit Wiederholung und Reduktion; beide interessieren sich für Zustände, in denen die gewohnte Ordnung der Wahrnehmung unsicher wird. Und beide entwickeln aus elektronischen und akustischen Mitteln eine Musik, die zugleich körperlich und schwer greifbar erscheint.
Wie musikalische Ideen weitergetragen werden
Musikalische Ideen bewegen sich nicht von selbst durch die Geschichte. Sie werden von Menschen weitergetragen, in Plattenläden und Clubs gehört, in Studios verändert, bei Konzerten erprobt und in neuen sozialen Zusammenhängen anders verstanden. Die Beziehung zwischen Saeko Killy und Die Wilde Jagd macht einen solchen Vorgang unmittelbar hörbar. Hier begegnen sich nicht abstrakte Genres, sondern konkrete Arbeitsweisen, Erfahrungen und Entscheidungen.
Saeko Killy wurde in Tokio geboren und lebt seit 2018 in Berlin. Dort wurde sie zunächst als DJ und Liveperformerin in einem Umfeld bekannt, das sich zwischen experimenteller Clubmusik, Post-Punk, Dub und psychedelischer Elektronik bewegt. Ihr 2023 erschienenes Debütalbum Morphing Polaroids entstand noch stark aus gemeinschaftlicher Improvisation. Für Dream In Dream, das zwei Jahre später folgte, übernahm sie einen größeren Teil der Produktion selbst. Sie schrieb und spielte fast alle Bestandteile eigenständig ein und entwickelte die Stücke aus den praktischen Bedingungen ihrer Liveauftritte heraus.
Diese Konzentration ist dem Album anzuhören. Die Musik besitzt klare Konturen, ohne abgeschlossen zu wirken. Drumcomputer setzen sparsame rhythmische Markierungen. Synthesizer und Gitarren bilden keine kompakten Flächen, sondern lassen Zwischenräume offen. Stimmen erscheinen nahe und rücken im nächsten Moment in die Ferne. Dub ist hier weniger ein klar erkennbares Genre als eine Methode, Beziehungen zwischen Klängen zu organisieren. Hall, Echo und Auslassung entscheiden ebenso stark über die Komposition wie Melodie und Rhythmus.

Ein Traum innerhalb des Traums
Dream In Dream bewegt sich zwischen langsamen, beinahe schwerelosen Stücken und direkteren Verbindungen zu Minimal Wave und Post-Punk. Dennoch erscheint das Album nicht wie eine Sammlung historischer Zitate. Die verschiedenen Bezüge werden durch Killys eigenes Verständnis von Stimme, Sprache und Rhythmus gefiltert. In ihren Stücken stehen Japanisch, Englisch und Deutsch nebeneinander. Die Sprachen erläutern einander nicht. Sie werden nach Klang, Bewegung und ihrer Beziehung zum jeweiligen Rhythmus eingesetzt.
Schon der Titel des Albums verweist auf eine Wahrnehmung, die sich nicht eindeutig stabilisieren lässt. Killy hat erzählt, dass Dream In Dream auf eine Erfahrung während einer Reise im Süden Japans zurückgeht. Nachdem sie unbeabsichtigt einen heiligen Ort betreten hatte, erlebte sie in der folgenden Nacht einen sich wiederholenden Traum. Sie glaubte aufzuwachen, erkannte jedoch immer wieder, dass auch dieses Erwachen Teil des Traums war. Jahre später wurde diese Erinnerung zum Ausgangspunkt eines Stücks und schließlich des gesamten Albums.
Man muss diese Erfahrung weder psychologisch erklären noch als mystische Gewissheit übernehmen, um ihre Bedeutung für die Musik zu verstehen. Entscheidend ist ihre Struktur: Eine Wirklichkeit liegt innerhalb einer anderen, ohne dass eine sichere Grenze zwischen beiden gezogen werden kann. Genau so verhalten sich viele Elemente auf Dream In Dream. Ein Popsong kann sich als Dubraum erweisen, ein klarer Rhythmus kann im Hall verschwimmen, eine vertraute Synthesizerfigur kann durch kleine Verschiebungen fremd werden.
Saeko Killy erzeugt diese Mehrdeutigkeit mit vergleichsweise sparsamen Mitteln. Reduktion bedeutet bei ihr jedoch nicht Nüchternheit. Die Begrenzung des Materials vergrößert vielmehr die Bedeutung jeder einzelnen Veränderung. Wenn ein Echo abbricht, eine Stimme ihre Position wechselt oder ein Rhythmus für wenige Takte aussetzt, verändert sich der gesamte Raum des Stücks. Die Musik bleibt dabei oft tanzbar, doch sie verlangt keine eindeutige Reaktion. Sie kann im Club funktionieren und zugleich eine private, nach innen gerichtete Hörerfahrung ermöglichen.
Die verändernde Kraft der Wiederholung
Auch Die Wilde Jagd arbeitet mit der verändernden Kraft der Wiederholung, allerdings mit einer anderen Dramaturgie. Das Projekt wurde 2015 von Sebastian Lee Philipp gegründet und entwickelte sich aus der Zusammenarbeit mit dem Produzenten Ralf Beck. Schon das selbstbetitelte Debüt verband elektronische Strukturen, Gitarren, deutschsprachige Texte und einen ausgeprägten Sinn für rhythmische Verdichtung. Mit Uhrwald Orange trat dieser Ansatz 2018 deutlicher hervor.

Viele Stücke dieses Albums nehmen sich Zeit. Rhythmen werden nicht lediglich wiederholt, sondern über lange Strecken belastet, verschoben und neu zusammengesetzt. Kleine Veränderungen erhalten dadurch ein großes Gewicht. Stimmen, Naturaufnahmen, perkussive Figuren und elektronische Störungen treten hinzu und verschwinden wieder. Die Musik entwickelt einen Sog, ohne in gleichförmige Bewegung zu geraten.
Der Begriff Krautrock liegt für solche Verfahren nahe, ist aber nur begrenzt hilfreich. Die Wilde Jagd rekonstruiert keine historische Szene. Das Projekt greift vielmehr eine bestimmte Vorstellung musikalischer Zeit auf: Ein Stück muss nicht durch ständige Wechsel voranschreiten. Es kann sich auch verändern, indem es scheinbar an einem Ort bleibt. Wiederholung wird dadurch zu einem Verfahren gesteigerter Aufmerksamkeit.
Körper, Mythos und Verwandlung
Auf Haut und ophio wurde diese Arbeitsweise weiter ausgedehnt. Körper, Mythologie und Verwandlung rückten stärker in den Mittelpunkt. Die Stimme erscheint dort nicht nur als Träger eines Textes, sondern als physisches Material. Instrumentale Passagen können sich über lange Zeiträume entfalten, während die Grenze zwischen Song, Komposition und Klangereignis zunehmend an Bedeutung verliert.
Mit Lux Tenera - A Rite to Joy erreichte diese Entwicklung eine neue Größenordnung. Das gemeinsam mit dem Metropole Orkest realisierte Werk verband die elektronische und rhythmische Sprache von Die Wilde Jagd mit einem großen Orchester. Historische Instrumentalfarben, zeitgenössische Komposition, psychedelische Wiederholung und theatrale Dramaturgie wurden nicht als Gegensätze behandelt. Sie bildeten unterschiedliche Schichten eines zusammenhängenden Werkes.
Auch die Ende 2025 veröffentlichte Bearbeitung eines mittelalterlichen Liedes von Oswald von Wolkenstein zeigt Philipps Interesse an zeitlichen Überlagerungen. Vergangenes wird nicht möglichst authentisch wiederhergestellt. Es wird in eine gegenwärtige musikalische Situation versetzt und dadurch verändert. Geschichte erscheint nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als Bestand aus Formen, Texten und Klängen, die unter neuen Bedingungen andere Bedeutungen annehmen können.
Verdichtung und Schwebezustand
In Mülheim tritt Die Wilde Jagd jedoch nicht mit Orchester oder Streichquartett auf, sondern in einem reduzierten Duo-Setup. Dadurch rückt eine andere Seite des Projekts in den Vordergrund: das unmittelbare Verhältnis von Stimme, Gitarre, Elektronik und Schlagzeug. Die ausgedehnten Klangwelten müssen aus wenigen Quellen entstehen. Gerade diese Beschränkung verbindet den Auftritt mit Saeko Killys Arbeitsweise. Beide Projekte zeigen, wie aus einem überschaubaren Instrumentarium komplexe Räume und intensive körperliche Erfahrungen hervorgehen können.
Die Unterschiede bleiben dennoch deutlich. Saeko Killys Musik ist häufig leichter, poröser und beweglicher. Ihre Stücke lassen Elemente nebeneinander bestehen, ohne sie zu einer großen Geste zusammenzuführen. Die Wilde Jagd arbeitet stärker mit Zuspitzung, Dauer und dramatischer Verdichtung. Wo Killy einen Zustand in der Schwebe halten kann, baut Philipp häufig einen Spannungsbogen auf. Wo ihre Stimme zwischen Sprachen und Positionen wechselt, nimmt seine eine beschwörende oder erzählende Funktion an.
Gerade deshalb ergibt die Kombination Sinn. Der Abend präsentiert nicht zweimal dieselbe historische Referenz und nicht zwei Varianten eines einheitlichen Genres. Er stellt zwei verschiedene Antworten auf eine gemeinsame Frage vor: Wie kann Musik die Wahrnehmung verändern, ohne sich auf Spektakel und Überwältigung zu verlassen?

Die Räume, in denen solche Musik entstehen kann
Dass diese Begegnung im Rahmen der Muhlheimer Zongtage stattfindet, ist mehr als ein organisatorischer Zufall. Saeko Killy hat die Berliner Orte und Gemeinschaften, in denen sie sich musikalisch zu Hause fühlt, als Zusammenhänge beschrieben, in denen Erfahrung und Eigenständigkeit wichtiger sind als eindeutige Genrezuordnungen. Sie hebt dabei insbesondere deren nichtkommerziellen und selbstorganisierten Charakter hervor.
Auch die Zongtage arbeiten unter diesen Bedingungen. Als kleine Non-Profit-Reihe schaffen sie einen Rahmen für Musik, die in den standardisierten Abläufen des Konzertmarktes nur begrenzt Platz findet. Solche Strukturen stehen scheinbar außerhalb der Musik, sind für ihre Entstehung jedoch entscheidend. Ohne unabhängige Clubs, Veranstaltungsräume, Labels, Radios und persönliche Netzwerke blieben viele der künstlerischen Verbindungen, von denen dieser Abend erzählt, abstrakt oder unsichtbar.
Jenseits der sichtbaren Ordnung
Saeko Killy und Die Wilde Jagd zeigen, dass musikalische Geschichte nicht allein aus Einflüssen und Genrebezeichnungen besteht. Sie entsteht in Begegnungen: zwischen Menschen, Instrumenten, Erinnerungen und Arbeitsräumen. Der Konzertabend macht zwei unterschiedliche Formen dieser Arbeit hörbar.
Bei Saeko Killy wird der Traum zum Modell einer offenen, instabilen Wirklichkeit. Bei Die Wilde Jagd wird Wiederholung zu einer körperlichen und beinahe rituellen Kraft. Zwischen beiden liegt kein festes Genre, sondern ein gemeinsames Interesse an dem, was jenseits der unmittelbar sichtbaren und hörbaren Ordnung beginnen kann.